Verweißung, Umwandlung und Unterstreichungen / Vier Ölcollagen 2006 von Detlev Foth
Diese vier Ölcollagen aus 2006 sind nach einer Komposition von Jimi Hendrix, Third Stone From The sun, einer von Willy de Ville, My Forever Came Today und einer von Bob Dylan, World Gone Wrong benannt, haben aber inhaltlich mit den Liedern nichts gemeinsam, was bei künstlerischen Korrospondenzen auch nicht erforderlich ist, da Rock Musik und Bildende Künste ohnehin gemeinsame spirituelle Grundlagen haben und immer anders auf das ewig Gleiche reagieren bzw immer gleich auf das ewig Andere reagieren.
Anders als klassische Musik entspricht Rock Musik dem Duktus, der Geschwindigkeit und der Aussagefähigkeit zeitgenössischer bildender Kunst. Das zeigt sich auch in den Beiläufigkeiten, dass John Lennon zunächst Kunst studiert hat, um sich zu sammeln, während Charles Bukowski Rock Musik verabscheut hat, da sie die Geschwindigkeit seiner Gedichte unnötig verdoppelt hätte. Klassische Musik ist ausschließlich, kompliziert und eignet sich als Monolog, weniger als Dialog. Der Blues und die Rock Musik hingegen sind ideale Dialogbasen, und die zeitgenössische Bildende Kunst ist im Gelingen immer eine Aufforderung zum Dialog sowie auch immer ein Assoziationsträger.
In wenigen Fällen hat die Literatur eine ähnliche Mathematik offenbart wie die klassische Musik, es kommt u.a.vor bei Thomas Bernhard, bei Charles Baudelaire und bei Harold Brodkey.
Blues und Rock Musik offenbaren eine Korrespondenzfähigkeit bei etlichen Schriftsellern, James Baldwin, Henry Miller, Céline, Carson McCullers, selbst bei Schriftstellern, die, wenn sie auch den Blues, Rock Musik nicht kennen konnten wie Guy de Maupassant z.B oder Ernest Hemingway.
Blues und Rockmusik kommen hingegen ohne Literatur und ohne Bildende Kunst aus, sie sind völlig eigenständig, verlieren ihre Dialogfähigkeit jedoch nicht.
Die Bildende Kunst verweist oft auf musikalische Korrespondenzen und zitiert häufig.
So auch die vier Ölcollagen aus 2006. ( !60 x 180, Leinwand auf Leinwand )
Da man Unikaten aus kunsthistorischer Gewohnheit Unsterblichkeit zuspricht, unterliegen konsequenterweise auch sämtliche bearbeitete Materialien der Unvergänglichkeit und damit natürlich auch unbegrenzter Umwandlungsfähigkeit. Obwohl es den Begriff des Kunstrecyclins nicht gibt und die völlige Vernichtung von Kunstwerken ein Tabu darstellt, sind Umwandlungen üblich, in der radikalen Form allgemein bekannt seit Kurt Schwitters. Schon Albrecht Dürer hat seine Auftraggeber verspottet und mit Hass überzogen, indem er Auftragsportraits entsprechend profanisierte, indem er Hasszeichnungen anschließend mit den Auftragsbildnissen überdeckte. ( Der Geiz )
Wenn eine Arbeit, wenn mehrere Arbeiten nicht mehr genügen und nur noch biographischen Wert haben - und ein biographischer Wert ist immer nahe an einem sentimentalen Wert -, dann stellt die Umwandlung eine angemessene künstlerische Korrektur alter Aussagen dar. Die Unterstreichung als Korrektur wird verdeutlicht z.B durch Verweißung, also Reduzierung. In den unten angeführten Beispielen werden Leinwände teilweise nur rückseitig gezeigt. Hier findet die Umwandlung in reiner Form statt. Das Unikat ist natürlich auch rückseitig einzigartig und unvergänglich.
Das Besondere an der Ölcollage besteht darin, dass die Materialien in einem homogenen Zusammenhang bleiben, die Arbeiten ihre inhaltlichen Aussagen zwar korrigieren, auf ihre Materialbeschaffenheit jedoch insistieren und von ihrer Volumensprache bildhauerischer Erarbeitung verwandt sind.
Bei Papiercollagen kommt Papier zu Papier, unabhängig von den es bearbeiteten Malmitteln, bei der Ölcollage kommt Leinwand zu Leinwand, dient das Öl aber nicht nur als Malmittel, sondern auch als Verbindungsstoff und als Modellierungsmasse.
Der Titel “My Forever Came Today” bezeichnet diesen Vorgang ausgezeichnet. Die Umwandlung unterstreicht einen alten Unvergänglichkeitsanspruch und manifestiert die Unsterblichkeit aktuell und bezeichnet darüber hinaus den Beginn der Unvergänglichkeit als gegenwärtiges Moment in der Vergangenheitsform.
Der bildende Künstler unterliegt der Unsterblichkeit, selbst wenn er diese als überheblichen Anspruch ablehnt und verweigern sollte. Da die vom Künstler bearbeiteten Materialien in jeder Form der Umwandlung, selbst der Umwandlung in ihrer Beschädigung und selbst in der Zerstörung überlebensfähig sind, tritt eine Form der Unsterblichkeit ein, die frei ist von der Definition der Ewigkeit, also der Zeitlosigkeit, die der Künstler aus Bescheidenheit und höflicher Relativierung selbst formuliert.
Detlev Foth, Düsseldorf




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