Artists Hidden World / Übersättigung und Mangel
Artists Hidden World ist zunächst eine photo-sharing-group , was wenig erklärt. Sie ist vielmehr ein Experiment unter Fremden. Die Namen der Fotografen sind zumeist nick-names und lesen sich wie die Namen des Personals eines Romans, der keinen Halt mehr in seinen Geschichten findet. Es ist ein Reiseroman, wie es ihn heute kaum noch gibt. Die Protagonisten sind vermutlich alle weitesgehend vereinsamt und atmen die reine Luft der virtuellen Welt.
Die stille Architektur wird mitgeteilt, die seltsamsten Landschaften geschmeckt wie eine bekannte und doch wieder einmal absonderlich verfeinerte Speise, man summt ruinierte Gesichter nach wie Refrains von alten Bluesnummern, man bewundert oder eher wundert sich über den nackten, menschlichen Körper wie über eine eigenartige Blume oder einen schön gezeichneten Stein, den das Meer gerade ausgespuckt hat.
Wie groß muß die Übersättigung an Bildern sein, daß sie wie ein Mangel empfunden wird? Sie ist so groß wie die Einsamkeit, in der die meisten, die einen nick-name wie eine Auszeichnung tragen, leben. Sie ist so groß, dass sie sich ebenso ins Gegenteil verändert wie sich die Übersättigung an Bildern in den Hunger nach Bildern verkehrt.
Der Einsame verlernt in der Regel das Sprechen, daher schärft sich sein Sehen, sein Blick auf die eigenen Lebensmomente und die anderer, vor allem Fremder, da sie Distanz garantieren. Bekannte und Freunde helfen dem Einsamen nicht, da sie unklare Signale senden. Der Fremde dagegen verspricht nichts, manipuliert nicht, versendet großzügig Signale, und jedes seiner Signale ist deutlich, rein und klar.
Die virtuelle Welt stellt unter anderem das übergroße Familienalbum dar, das länderübergreifend, aus künstlerischer Sicht politisch unabhängig, vor allem verblüffend umfassend, deutlich und von nie gekannter Offenheit ist. Soetwas gab es vor einigen Jahren nicht. Die Einsamen waren völlig aufgeschmissen mit ihren hunderten von Fotos, die niemand außer einer handvoll Bekannter sehen konnte. Es war unmöglich. Heute ist jeder Moment transportabel, jede Lebensvorstellung läßt sich, sobald visualisiert, mitteilen. Die Mitteilung unterliegt der Freiwilligkeit ebenso wie das Aufgreifen dieser Mitteilung. Daher entfällt jede Zensur.
Hinter jedem Foto steht eine Biographie, eine Welt, der Wunsch sich mitzuteilen, generell zu teilen. Nie ist dieser Vorgang einseitig, denn jeder, der eine Mitteilung aufnimmt, teilt sich unweigerlich selbst mit. Mit seinem nick-name oder seinem tatsächlichen Namen sind seine Bilder verbunden. Er macht sich wie jeder andere öffentlich. Durch dieses Sichöffentlichmachen wird das Moment der Verheimlichung, der Heimlichkeit, der Privatheit hinfällig. Das wirkt befreiend, so scheint es zumindest.
Die virtuelle Welt verändert unseren Umgang mit Privatheit und den Abbildern unserer Privatheit. Das photo-sharing, ein Begriff, den kaum jemand vor einigen Jahren verstanden, sich wahrscheinlich nicht mal hätte vorstellen können, ist ein gängiges Kommunikationsmittel geworden. Die Hinwendung zu rein visueller Kommunikation verhindert zumindest unzählige Mißverständnisse, die Sprache hervorrufen kann. Visuelle Kommunikation macht generell sprachunabhängig, bzw Sprachenunabhängig.
Die technische Entwicklung hat nicht zuletzt eben auch zu photo- sharing geführt und damit zu ungeahnter Offenheit im Umgang mit eigener Privatheit und der Beschäftigung mit der Wahrnehmung Fremder. Die eigene Offenheit bedingt die Offenheit, mit der man anderer Menschen Visualisierungen begegnet. Das ist vollkommen neu und wird die Übersättigung an Bildern, die in erster Linie durch das Fernsehen und die Zeitschriftenflut hervorgerufen wurde, gängzlich überwinden und ins Gegenteil verkehren, da die Sujets nun nicht mehr lanciert und dadurch beliebig sind. Der wesentliche Unterschied der Fernseh und Zeitschriftenbilder zu den privaten Bildern besteht in der Aufhebung des Vorgelebten, des verkauften Vorgelbten. Private Bilder stellen kein Leben vor, sondern sind Dokumente des authentischen Lebens. Private Bilder sind im Grunde die wesentlichen Schlüssel für die Ergründung der Welt des Anderen, Assoziationsträger. Das Laute der Welt wird durch all die stillen Bilder unterbrochen, die laute Welt erfährt permanente Widerstände. Das Private wird öffentlich gemacht, ein ganz besonderer Weg der Toleranz und des Verständnisses.
Man teilt Bilder, besser kann man eine neue Kommunikation gar nicht aufbauen.
Detlev Foth, Düsseldorf